Chronik der Gemeinde

800 JAHRE KIRCHENGESCHICHTE
STREIFLICHTER AUS DER KIRCHENCHRONIK DER EV.-LUTH. ST. JOHANNES-KIRCHENGEMEINDE SCHWANEWEDE

Die Kirchenchronik ist noch im Entstehen begriffen. Die zahlreichen Dokumente und Urkunden aus dem Schwaneweder Archiv, aus den Staatsarchiven von Bremen und Stade und dem Landeskirchenamt in Hannover sind reinstes Augenpulver und warten noch auf die letzte Durchsicht.

Dennoch möchte ich bereits jetzt schon einen kleinen Einblick geben in das bisher Erforschte und Entdeckte. Ein Resümee stelle ich voran, in dem ich meine wichtigsten Eindrücke wiedergebe:

Geschichte Kirche

Die Kirchengemeinde Schwanewede liegt bis zum Beginn der Neuzeit in einem „Dornröschenschlaf”. Die großen politischen Ereignisse und Umwälzungen streifen sie kaum. Abseits von Bremen gelegen, abseits auch vom Weserstrom, unwegsam und unerschlossen, finden weder räuberische Banden noch fremde Truppen während der vielen großen und kleinen Kriege hierher. Unbeschadet überstand es die „Schwedenzeit”, die Zeit unter englischer Herrschaft, die „Franzosenzeit” und die Zeit unter preußischer Vorherrschaft. Kurz vor dem Einmarsch der Preußen in Hannover gründete man eine synodal geleitete, eigenständige Landeskirche und entging so fremder Einflußnahme.

Schwanewede ist eine Streusiedlung mit weit auseinander liegenden Höfen. Die Kirche bildet noch den geographischen Mittelpunkt des Bauerndorfes. Der regierende Adel bestimmt die Geschicke der Einwohner. Als Kirchenpatrone ernennen sie Pfarrer und Küster, tragen Verantwortung für die kirchlichen Gebäude und das Armenwesen. Sie üben hohe und niedrige Gerichtsbarkeit aus und sind auch für das Schulwesen zuständig.

In katholischer Zeit gehört Schwanewede als „Kapellengemeinde” zu Lesum. Die dortige „Martini-Kirche” ist frühe fränkische Gründung. Zu Gottesdiensten und Amtshandlungen kamen von dort die Geistlichen nach Schwanewede. Das änderte sich erst mit dem größeren Gemeindewachstum und der Einführung der Reformation.

Besondere Ereignisse aus dieser Zeit lassen sich an den fünf Fingern abzählen:

Die zunehmende Verarmung des Adels lässt sie zu Raubrittern und Wegelagerern werden. Auch die von Schwanewede sind nicht ausgenommen und stören erheblich die Handelswege der Bremer zu Land und zu Wasser. In einem Handel mit dem Erzbischof Giselbert erhalten die Bremer das Recht, die Hauptsitze (befestigte Güter - Burgen) des Landadels zu zerstören. 1305 wird auch der Herrensitz derer von Schwanewede geschleift und dem Erdboden gleichgemacht. Die Zerstörung der Burgkapelle machte einen Kapellenneubau samt einer Friedhofsanlage an der Loge notwendig.

Immer wieder brannte es. Mal war es die Pfarrscheune, mal die des Küsters. Aber der Pfarrhausbrand durch Blitzschlag am 4.Juni 1896 war besonders folgenreich. Es verbrannten alle alten Urkunden aus vorreformatorischer Zeit, aus nachreformatorischer Zeit bis 1788. Das entlastet zwar den Chronisten, hinterlässt aber eine erhebliche Lücke, die selbst durch Vermutungen und Annahmen nur schwer zu schließen ist.
1930 brannte auch das Herrenhaus der Familien v. Schwanewede, von der Wisch und von Griesbach durch Blitzschlag ab. Dabei wurden auch alle Patronats- und Gutsakten vernichtet. Pastor Lauterbach hatte sich geweigert, die Akten in kirchliche Verwahrung zu nehmen.

Was wird aktenkundig? Natürlich die Besitzverhältnisse und das Kirchenvermögen, kirchliche Gebäude und Ländereien, Lasten und Pflichten des Adels und der Bauernschaft. Die vorhandenen „Lagerbücher” von 1788 und 1848 sind die ergiebigsten Quellen für meine Kirchenchronik.

Darüber hinaus sind es Streitigkeiten zwischen den Kirchenpatronen und der Kirchengemeinde über anteilige Finanzierung von Reparaturarbeiten, über die Vergabe von Aufträgen an die Handwerker über die Gewährung von Armenhilfe aus der Armenkasse, über die Notwendigkeit eines Blitzableiters auf dem Pfarrhaus, über Kirchland- und Pfarrlandverpachtungen, über Wegerechte.

Immer wieder gibt es auch Auseinandersetzungen mit der „Kirchenbehörde”. Beanstandungen von Ausgaben, Dienstverletzungen, Anträge auf Bezuschussungen der Pfarrstelle, um das Existenzminimum des Pfarrers zu gewährleisten. Der häufige Pfarrstellenwechsel geht auf die geringe Dotierung des Pfarrereinkommens zurück. Eine Familie ließ sich damit kaum finanzieren.

Erbteilungen beim Adelsgeschlecht derer von Schwanewede, ihr Aussterben in Schwanewede und der Übergang der Höfe in die Adelsfamilien von der Wisch und von Griesbach erschweren die Wahrnehmung des Kirchenpatronats. Die „Bauernbefreiung” bringt größere steuerliche Belastung für die Bewohner mit sich, die Abgaben für Pfarrer und Küster gleicherweise (Geld und Naturalien). Für manchen Schwaneweder blieb die Auswanderung nach Amerika einziger Ausweg.

Dass sich der Auswanderer Johann Probst aus Brooklyn dankbar seiner Kirchengemeinde erinnert und der Gemeinde 1900 erst zwei neue Glocken und dann 1912 eine Kirchturmuhr mit einer Schlagglocke stiftet, ist ein Glücksfall für die Gemeinde. Die Kirchenpatrone erhielten ihre Glocken zurück, die Gemeindeglieder brauchten an sie keine Läutegebühren mehr zu bezahlen. Leider wurde die kleinere Glocke 1940 zu Kriegszwecken beschlagnahmt und eingeschmolzen.

Der „Dornröschenschlaf” der Kirchengemeinde ändert sich schlagartig mit dem Beginn der Neuzeit, dem Anbruch des Industriezeitalters‚ der Gründung von Vulkanwerft und Wollkämmerei, von Fischfabriken in Bremerhaven. Immer mehr Industriearbeiter gehören nun zu dieser Kirchengemeinde. Pastor Lauterbach hat es schwer, auf die veränderte Situation einzugehen und der zunehmenden Entkirchlichung entgegen zu steuern.

Der 1. Weltkrieg mit vielen Gefallenen aus Schwanewede und die schweren Nachkriegsjahre prägen das Gemeindeleben. Aber erst die Zeit während und nach dem 2. Weltkrieg hat das kirchliche Leben total verändert. In die Wirkungszeit von Pastor Heddenhausen fallen Erneuerungen an in der Kirche (Heizung, Orgel, Altarleuchter und Altarkreuz), der erste Kindergarten entsteht, die erste Friedhofshalle wird errichtet, die erste Gemeindehelferin eingestellt, später der erste Diakon. Die Wehrmacht hält Einzug in Schwanewede und es wird der erste Standortpfarrer mit einem Pfarrhaus versehen.

Aber das ist erst der Anfang, um auf die neuen Herausforderungen durch den Zustrom von Flüchtlingen und Ausgebombten, Lagerhäftlingen und Displaced Persons (Ausländer ohne Heimat) zu reagieren.


WAS UNS SICHTBAR MIT DER KIRCHLICHEN VERGANGENHEIT VERBINDET
DIE KIRCHE UND IHR KIRCHTURM - ERBAUT 1761

Unsichtbar verbindet uns „eine” unsichtbare Glaubens- und Segensgeschichte in der Generationenkette. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Kette mit oder durch uns nicht abreißt. Traditionsabbrüche lassen sich kaum rückgängig machen.

Aber es gibt viele sichtbare Dinge, die uns über Generationen hinweg bis heute miteinander verbinden. Da nenne ich als erstes die Kirche, in der gefeiert, gebetet und gesungen wird, gepredigt, vermahnt und abgekündigt. Was könnten die Wände nicht alles erzählen. An dieser Stelle stand schon die 1581 erbaute Kirche, unter der sich die Gruft der Adligen befand, die sich ganz nahe am Altar beerdigen ließen, um bei der Auferstehung der Toten ganz vorne dran zu sein. Davor gab es die Burgkapelle, danach die Kapelle an der Loge mit Pfarrhaus und Friedhof. Davon finden wir keine Spuren mehr. Aber überall erklang das Gotteslob, das in alle Ewigkeit fortdauern wird.


TAUFSTEIN UND ABENDMAHLSGERÄTE

Was uns sichtbar mit den Vorfahren verbindet, ist das „Taufgerät”. Wie anders soll man die Messing-Taufschale auf einem Eisengestell, mit Schwänen ummantelt, wohl nennen. Es stand früher mit einem eisernen Dorn links vom Altar befestigt und bekam erst in der Neuzeit einen eisernen Standfuß. Er stammt aus dem Jahr des Kirchbaus von 1761. Von damals bis heute empfangen aus diesem Taufgerät die Schwaneweder die Taufe. Das verbindet die Kette von Generationen miteinander.

Bereits aus der alten Kirche übernommen wurden die Abendmahlsgeräte, der silberne Kelch wurde 1620 gestiftet, silberne Hostienschale und Hostiendose etwas später. Noch heute sind die Abendmahlsgeräte in Gebrauch und auch sie schlagen die Brücke über Generationen hinweg.


DIE GLOCKEN

sind zwar jüngeren Datums, aber ihr Klang ruft seit einem halben Jahrhundert zu Taufe und Kindergottesdienst, zu Gottesdienst und Trauung und die älteste Glocke läutet zur Beerdigung. Sie tragen alle ein Bibelwort als Inschrift. Sie möchten nicht vergeblich einladen zu Einkehr und Besinnung. Stündlich erinnert die Schlagglocke am Kirchturmsgiebel: Ora et labora - Bete und arbeite.


DER GOTTESDIENST VON LEBENDEN - UMGEBEN VON VERSTORBENEN

Das war für mich eine besondere Entdeckung: Wir sind umgeben von Generationen, die vor uns geglaubt und ihren Lebenskampf zu bestehen hatten. Unter dem Altarraum ruhen die Toten der Schwaneweder Kirchenpatrone. Im Altarraum haben wir die Namenstafeln der Gefallenen des 1. Weltkrieges vor uns. In den Buntglasfenstern lesen wir neben den Namen der Evangelisten die Namen der Gefallenen des 2. Weltkrieges. Ihre Angehörigen haben die Buntglasfenster 1950 gestiftet.

Um die Kirche herum sind die Gräber unserer Angehörigen. Einige alte Grabmäler sind noch erhalten, steinerne Zeugen von Leben und Glauben. So feiern wir, umgeben von Menschen, die uns vorausgegangen sind, Gottesdienst, Taufen und Konfirmationen, Trauungen und Beerdigungen. Die alten und neuen Friedhöfe sind beredte Zeugen der Schwaneweder Kirchengeschichte, sei es der „Judenfriedhof” oder die KZ-Gräber.


ABSCHLIESSENDE GEDANKEN
SIE SELBER SIND ZEITZEUGEN FÜR DIE ZEIT AB 1950

Was sich in dieser Kirchengemeinde ab 1950 alles ereignet hat, gibt ausreichend Stoff für einen eigenen Vortrag.
Sie sind selbst Zeitzeugen und können sich gut an all die Wechselfälle, die Feste und Feiern, die fröhlichen und traurigen Anlässe erinnern, haben Sie doch daran aktiv teilgenommen.

Ich schließe daher mit einem Wort Dr. Martin Luthers aus einer Schrift von 1538:

„Da mögen wir uns nach richten.
Gott helfe uns, wie er unseren Vorfahren geholfen und unsern Nachkommen auch helfen wird zu Lob
und Ehren seinem göttlichen Namen in Ewigkeit.
Denn wir sind es doch nicht, die da könnten die Kirche erhalten.
Unsere Vorfahren sind es auch nicht gewesen. unsere Nachkommen werdens auch nicht sein.
Sondern der ist es gewesen, ist es noch, wird es sein, der da spricht:
„Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende”, oder wie es beim Hebräerbrief im 13. Kapitel heißt: „Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.” Und in der Apokalypse: „Friede sei mit euch von dem, der da war, der da ist und der da kommt.” Ja, so heißt der Mann und so heißt kein anderer und soll auch kein
anderer heißen.”

Geschichte Haus

Klaus Fitzner, P.