2004 - 09-11 Freude an der Kirche
Freude an der Kirche
Gibt es das überhaupt: Freude an der Kirche? So fragen manche. Und dann zählen sie auf, was ihnen Unbehagen bereitet. Die Vorwürfe prasseln auf die Kirche nieder. Manchmal begründet, manchmal ungerecht, manchmal hämisch.
Manche nennen die Kirche eine Institution, deren Strukturen verhärtet sind, so daß es ihr an Lebendigkeit mangelt. Es sind manchmal nicht viele, die sich öffentlich positiv äußern. Die kritischen Untertöne sind nicht zu überhören.
Oder ist uns alles, was nach Institution ausschaut (Kirche, Gewerkschaften, Parteien, Schule ...), von vornherein verdächtig?

Es scheint mir, als würde um die Kirche eine Art Nebel gelegt, hinter dem sie langsam verschwindet und ihre Konturen verliert. Und dann bricht durch den Nebel das Licht der Wahrheit Gottes hindurch und läßt in einer unvollkommenen Kirche mit unvollkommenen Menschen aufstrahlen, was Gott seiner Kirche anvertraut hat. Dies macht dann den Grund der Freude aus.

Der Apostel Petrus sagt über die Kirche: "Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, daß ihr verkündigen sollt die Tugenden des, der euch gerufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht" (1. Petrus 2,9). Ist es nicht alles zu anspruchs-voll? Müssen das nicht ganz andere Menschen sein, die da gemeint sind, ausgerüstet mit einer übermenschlichen Kraft, um einer solchen Sendung gerecht zu werden? Es wäre wohl falsch, wenn wir uns in Überheblichkeit und Selbstgefälligkeit eine solche Würde selber zusprechen würden. Unsere kritische Umwelt würde uns bald eines besseren belehren. Ich meine, es ist uns aber auch verwehrt, die Verheißungen von uns wegzuschieben. Die ganze Gemeinde ist gerufen, in der Welt eine ganz bestimmte Aufgabe wahrzunehmen. In ihr ist niemand von der Verantwortung entbunden. Auch die, welche keine sichtbaren Ämter bekleiden, tragen mit.
Da wird Kirche zur Schar der von Gott Beschenkten. Wo sie sich so versteht, wird sie sich nicht im eigenen Kreis drehen, sondern für die Welt da sein. Freude an der Kirche: vielleicht kann man das nicht besser ausdrücken, als wenn wir "Freude" ein wenig buchstabieren:


Frieden. Von ihm ist in der Kirche die Rede - nicht nur im Zusammenhang mit politischen Entwicklungen. Zuerst geht es um den Frieden, den Gott mit dem Menschen geschlossen hat. Gott ist nicht unser Feind, er ist uns Freund. Aber dieser Frieden will nicht in der Kirche bleiben, sondern in allen Beziehungen unseres Lebens wirksam werden.
Ruhe. In der Unruhe und Hast der Zeit, in aller Hektik und allem Treiben und Getriebenwerden ist die Kirche ein Ort der Ruhe. Nicht umsonst hat Jesus gesagt: "Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch Ruhe geben." Diese Ruhe will mit uns von der Kirche in den Alltag gehen und dort ausstrahlen und wirken.
Erbarmen. In einer Welt und Zeit, wo nur Leistung gilt, perfektes Können, karrierebewußtes Denken, redet die Kirche vom Erbarmen Gottes. Hier muß niemand sich etwas vormachen, niemand wer weiß was darstellen. Hier ist Raum für unsere Niederlagen und unser Versagen. Das Erbarmen Gottes hat einen weiten Mantel. Es macht uns fähig, anderen barmherzig zu begegnen.
Urvertrauen. Ohne diese Grundvoraussetzung kann man nicht leben. In der Kirche erfahre ich, wie dieses Urvertrauen angebunden ist an Gott, dem ich vertraue und glaube, der mir die Treue hält. Gerade in einer mißtrauischen Welt ist Urvertrauen gefragt. Denn so meint auch schon ein großer Philosoph unserer Tage: "Gut ist, denen zu vertrauen, die vertrauen."
Dankbarkeit. Sie ist ein Schlüssel zum Leben. Wo ich ihn verliere, isoliere ich mich und bleibe meinem Egoismus überlassen. In der Kirche werde ich daran erinnert, wem ich mich verdanke; wem ich verdanke, was aus mir geworden ist, was ich habe, was ich bin. Dankbarkeit vor Gott vergißt dann auch die Menschen nicht, die einem zum Leben verhalfen. Wer dankt, denkt nach, und wer nachdenkt, wird dankbar.
Erfahrung. In der Kirche höre ich von den Glaubenserfahrungen der Menschen anderer Zeiten. Sie werden mir in biblischen Geschichten weitergegeben, die von Begegnungen reden zwischen Gott und Menschen. Sie sind Anregung und Ermutigung, mich in unserer Zeit den heutigen Gottes- und Glaubenserfahrungen auszusetzen. Damit erfüllt wird, was Gott sagt: "Du sollst innewerden, daß ich der Herr bin, dein Gott."

Johannes Kuhn

 
 
Startseite